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Gottesanbeterinnen (Ordnung Mantodea) faszinieren den Menschen seit Jahrhunderten. Bereits in der Antike galten sie als mystische Tiere, heute stehen sie vor allem wegen ihres außergewöhnlichen Aussehens, ihres komplexen Jagdverhaltens und ihrer Anpassungsfähigkeit im Fokus der Terraristik. Mit über 2.400 beschriebenen Arten gehören sie zu den vielfältigsten Insektengruppen der Welt. Ihre Lebensräume reichen von tropischen Regenwäldern über Savannen bis hin zu trockenen Buschlandschaften. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Anforderungen wider, die einzelne Arten an ihre Haltung stellen.
In Mitteleuropa kommt mit Mantis religiosa nur eine einzige Art natürlich vor. Da diese unter Naturschutz steht, werden im Terrarium ausschließlich exotische Arten gehalten, die aus Nachzuchten stammen.
Biologie und Lebensweise
Gottesanbeterinnen sind strikt räuberisch lebende Insekten. Sie ernähren sich ausschließlich von anderen Arthropoden und gelegentlich auch von kleinen Wirbeltieren, wenn diese überwältigt werden können. Ihr Körperbau ist perfekt an diese Lebensweise angepasst: Die kräftigen Fangbeine sind mit Dornen besetzt, der bewegliche Kopf erlaubt ein weites Sichtfeld, und die großen Facettenaugen ermöglichen ein ausgezeichnetes räumliches Sehen.
Die Tiere sind überwiegend Lauerjäger. Sie verbringen oft Stunden oder sogar Tage nahezu bewegungslos an einem erhöhten Sitzplatz, bis ein Beutetier in Reichweite kommt. Dann erfolgt ein blitzschneller Zugriff. Dieses Verhalten ist auch im Terrarium gut zu beobachten und macht einen großen Teil der Faszination dieser Tiere aus.
Die Entwicklung erfolgt über eine unvollständige Metamorphose. Nach dem Schlupf aus der Oothek (Eipaket) durchlaufen die Jungtiere mehrere Nymphenstadien. Mit jeder Häutung wachsen sie und entwickeln sich weiter, bis sie schließlich das adulte Stadium erreichen. Je nach Art und Temperatur sind dafür sechs bis zehn Häutungen notwendig. Die Lebensdauer beträgt in der Regel zwischen 8 und 18 Monaten.
Sozialverhalten und Kannibalismus
Gottesanbeterinnen sind Einzelgänger. In freier Natur begegnen sich adulte Tiere meist nur zur Paarung. Kannibalismus ist ein natürliches Verhalten und tritt besonders häufig bei Nahrungsmangel oder Stress auf. Auch im Terrarium sollte deshalb grundsätzlich von einer Gruppenhaltung abgesehen werden. Ausnahmen bilden lediglich sehr junge Nymphen bestimmter Arten, die zeitweise gemeinsam gehalten werden können, solange ausreichend Futter vorhanden ist.
Das Terrarium als Lebensraum
Ein artgerechtes Terrarium ist entscheidend für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere. Dabei ist die Höhe wichtiger als die Grundfläche, da Gottesanbeterinnen vertikale Strukturen zum Klettern und vor allem für die Häutung benötigen. Eine unzureichende Terrariumhöhe führt häufig zu missglückten Häutungen mit tödlichem Ausgang.
Neben der Größe spielt die Belüftung eine zentrale Rolle. Mantiden reagieren empfindlich auf stehende, feuchte Luft. Idealerweise verfügt das Terrarium über Lüftungsflächen oben und unten, um einen leichten Luftaustausch zu ermöglichen. Glas- oder Kunststoffterrarien mit Gazedeckel haben sich besonders bewährt.
Einrichtung und Strukturierung
Die Einrichtung sollte sich am natürlichen Lebensraum der jeweiligen Art orientieren. Grundsätzlich benötigen alle Mantiden:
Korkäste, Naturholz, Bambus oder spezielle Terrarienrückwände eignen sich gut. Besonders wichtig ist eine rauhe Fläche oder Gaze im oberen Bereich, da sich viele Mantiden zur Häutung kopfüber aufhängen.
Der Bodengrund dient weniger den Tieren selbst als der Regulierung des Mikroklimas. Kokoshumus, ungedüngte Walderde oder spezielle Terrarienerde speichern Feuchtigkeit und geben sie langsam wieder ab. Staunässe sollte unbedingt vermieden werden.
Pflanzen im Mantidenterrarium
Lebende Pflanzen sind keine Pflicht, bieten aber viele Vorteile. Sie verbessern das Klima, erhöhen die Luftfeuchtigkeit, bieten Sichtschutz und dienen teilweise als zusätzliche Kletterhilfe. Besonders geeignet sind robuste, pflegeleichte Pflanzen:
Bei Arten mit starker Tarnung, wie Geister- oder Tote-Blatt-Mantiden, tragen Pflanzen zudem zur natürlichen Optik und zum Stressabbau bei.
Temperatur und Tagesrhythmus
Die meisten Mantidenarten stammen aus warmen Regionen. Entsprechend sollte im Terrarium tagsüber eine Temperatur zwischen 24 und 30 °C herrschen. Nachts ist eine Absenkung um einige Grad nicht nur unproblematisch, sondern sogar natürlich. Die Beheizung erfolgt am besten über seitlich angebrachte Heizmatten oder Wärmelampen. Eine Beheizung von unten ist ungeeignet, da sie den Bodengrund austrocknet.
Temperatur- und Feuchtigkeitsbereiche ausgewählter Artengruppen
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Art / Artengruppe |
Tagestemperatur |
Nacht |
Luftfeuchtigkeit |
Schwierigkeitsgrad |
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Sphodromantis viridis / lineola |
24–30 °C |
18–22 °C |
50–70 % |
Anfänger |
|
Hierodula membranacea |
25–32 °C |
20–24 °C |
50–60 % |
Anfänger |
|
Phyllocrania paradoxa |
24–30 °C |
20–22 °C |
60–75 % |
Anfänger – leicht fortgeschritten |
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Parasphendale affinis |
24–30 °C |
18–22 °C |
50–65 % |
Anfänger |
|
Tenodera sinensis |
22–30 °C |
18–22 °C |
50–65 % |
Anfänger |
|
Pseudocreobotra wahlbergii |
26–30 °C |
22–24 °C |
60–75 % |
Mittel |
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Deroplatys spp. (Tote-Blatt-Mantiden) |
24–28 °C |
20–22 °C |
65–80 % |
Mittel |
|
Hymenopus coronatus (Orchideenmantis) |
26–30 °C |
22–24 °C |
70–85 % |
Fortgeschritten |
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Gongylus gongylodes (Wandelnde Geige) |
25–30 °C |
20–24 °C |
60–75 % |
Fortgeschritten |
|
Creobroter gemmatus (Asiatische Blütenmantis) |
25–30 °C |
22–24 °C |
60–75 % |
Mittel |
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Acanthops falcata |
24–28 °C |
20–22 °C |
60–75 % |
Mittel |
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Blepharopsis mendica |
26–32 °C |
22–25 °C |
40–55 % |
Mittel – fortgeschritten |
Luftfeuchtigkeit und Wasserversorgung
Die Luftfeuchtigkeit wird hauptsächlich durch regelmäßiges Sprühen reguliert. Ein- bis zweimal tägliches Sprühen reicht in den meisten Fällen aus. Die Mantiden nehmen Wasser meist nicht aus Näpfen auf, sondern trinken die Tropfen von Pflanzen, Scheiben oder Einrichtungsgegenständen. Zu hohe Luftfeuchtigkeit ohne ausreichende Belüftung kann jedoch zu Schimmelbildung und Atemproblemen führen.
Beleuchtung und UV-Licht
Eine Beleuchtungsdauer von etwa zehn bis zwölf Stunden pro Tag ist ideal. LED-Leuchten oder Leuchtstoffröhren sorgen für ausreichend Helligkeit. UV-Licht ist für Gottesanbeterinnen nicht zwingend notwendig, kann aber bei geringer Intensität positive Effekte haben. Ein niedriger UV-B-Anteil unterstützt die Aktivität, fördert natürliche Farben und kann das Verhalten positiv beeinflussen.
Fütterung und Ernährung
Gottesanbeterinnen sind reine Fleischfresser. Sie akzeptieren ausschließlich lebende Beutetiere. Die Auswahl des Futters richtet sich nach Größe und Entwicklungsstadium der Mantide. Jungtiere werden mit Fruchtfliegen oder kleinen Fliegen gefüttert, adulte Tiere mit Grillen, Heuschrecken, Schaben oder größeren Fliegen.
Die Beute sollte nie größer als der Kopf der Mantide sein. Gefüttert wird je nach Stadium zwei- bis viermal pro Woche. Eine Überfütterung ist zu vermeiden, da sie zu Verfettung und Häutungsproblemen führen kann. Wildgefangene Insekten sollten nicht verfüttert werden, da sie mit Pestiziden belastet sein können.
Beliebte Arten und ihre Eignung
Zu den klassischen Anfängerarten zählen Sphodromantis viridis, Sphodromantis lineola und Hierodula membranacea. Sie sind robust, gut sichtbar und relativ tolerant gegenüber kleinen Haltungsfehlern. Arten wie Phyllocrania paradoxa oder Parasphendale affinis erfordern bereits etwas mehr Aufmerksamkeit, gelten aber weiterhin als gut haltbar. Sehr anspruchsvolle Arten wie die Orchideenmantis (Hymenopus coronatus) oder die Wandelnde Geige (Gongylus gongylodes) sollten erst mit entsprechender Erfahrung gepflegt werden.
Häufige Probleme und Fehler
Viele Probleme in der Mantidenhaltung lassen sich auf wenige Ursachen zurückführen: zu geringe Terrariumhöhe, unzureichende Belüftung, dauerhaft zu hohe Luftfeuchtigkeit, falsche Futtergröße oder Stress durch Vergesellschaftung. Eine sorgfältige Planung und regelmäßige Beobachtung der Tiere sind daher entscheidend.
Fazit
Die Haltung von Gottesanbeterinnen bietet einen faszinierenden Einblick in die Welt räuberischer Insekten. Bei richtiger Einrichtung, passenden Klimabedingungen und artgerechter Fütterung sind viele Arten vergleichsweise pflegeleicht und auch für Einsteiger geeignet. Gleichzeitig ermöglicht die große Artenvielfalt eine kontinuierliche Erweiterung des Hobbys bis hin zu anspruchsvollen und spektakulären Arten. Gottesanbeterinnen sind damit nicht nur optisch beeindruckende Terrarientiere, sondern auch ideale Beobachtungsobjekte für Natur- und Insektenfreunde.
Quellenverzeichnis
Allgemeine Haltung & Terrarium
Spezifische Tierarten & Klima
4. Terrarium‑Wissen.de – Portrait einiger Anfängerarten (Sphodromantis viridis, Phyllocrania paradoxa, Sphodromantis lineola), mit Angaben zu Temperatur, Luftfeuchte,
Terrariengröße und Futter.
5. Garnelio.de – Angaben zur Haltung der Indischen Riesengottesanbeterin (Hierodula membranacea), inkl. Temperaturdaten und Mindestterrariumgröße.
6. Interaquaristik.de – Terraristische Daten zur Afrikanischen Gottesanbeterin (Sphodromantis bioculata) mit Temperatur‑ und Luftfeuchteangaben sowie Futterempfehlungen.
Pflanzen & Einrichtung
7. Terrarientechnik.de – Beispiele für geeignete Pflanzen (z. B. Bromelien, Fittonia) zur Terrariengestaltung und Klimaregulierung.
Biologie & Verhalten
8. Tier‑Pflanzenwelt.de – Informationen zum natürlichen Verhalten, Haltung und Schutzstatus der Europäischen Gottesanbeterin (Mantis religiosa).
